Bekenntnisse einer Alien (1)

Januar
2015

Natürlich wäre ich gerne sexy. Ja, sehr gerne sogar. Aber leider gibt es da ein Hindernis. Ein großes, riesiges, unüberwindbares Hindernis.
Und dieses Hindernis ist der Stöckelschuh.
Es ist nicht nur, dass ich nicht drauf laufen kann. Es ist auch so, dass ich es nicht verstehe. Ich meine: Warum finden Frauen solche Schuhe so klasse?
Ich sehe die anderen Frauen und versuche es zu verstehen.
Ich sehe alle Folgen von Sex and the City. Und die beiden Filme. Die Schuhe. Die Reaktionen der Frauen. Aber ich verstehe es nicht.
So muss sich ein Adoptivkind fühlen, dass instinktiv spürt: Ich bin anders, ich gehöre nicht in diese Familie.
Ich sehe Manolo Blahniks und Carrie Bradshaw. Ich höre die Frauen in der Zalando-Reklame schreien. Ich sehe die Szene in „New in Town“, mit Renee Zellwegger, wo sie im verschneiten New Ulm in Minnesota landet, und dann im Schuhladen, wo sie das junge Mädel Bobby für ihr erstes Ausgehen aufpeppen. Mit Kleid und Friseur und – natürlich was sonst – hohen Schuhen. Drei Frauen stehen um Bobby herum und fallen vor Rührung fast in Ohnmacht und sagen: die ersten High Heels! Eine der Frauen hat Tränen in den Augen.
Ich sehe die Szene und fühle – nichts.
Ich bin eine Art High-Heel-Autistin.
Ich bin eine Alien.
Aber da ich nun mal hier bin und nicht auf meinem Heimatplaneten, und da ich ja trotz allem eine Frau bin, die einen Mann möchte, und da ich logisch schlußfolgere, dass ich auf diesem Planeten nur einen bekommen kann, wenn ich das Spiel mitspiele, und sexy bin und weil ich mir einbilde, dass ich lernfähig bin, und in der Lage mich anzupassen, und weil es ja immer heißt, man soll die Dinge akzeptieren, die man nicht ändern kann, und weil High Heels = sexy anscheinend eine genau so gültige unumstößliche Regel ist wie a2 + b2 = c2, also deswegen denke ich: Okay, ich will es versuchen.
Und wie lernt man?
Ganz einfach.
Man beginnt mit der Theorie und läßt die Praxis folgen.
Fangen wir also mit der Theorie an.
Mein Lehrbuch: „Dressed to kill oder wie werde ich eine Sexgöttin“ von Diane Brill. Sie denken, ich habe mir den Titel ausgedacht? Nein, nein, das Buch existiert. Es hat von den meisten Leserinnen sogar 5 Sterne bekommen. Nur eine Leserin hat nur 2 Sterne vergeben (vielleicht eine Mit-Alien? Wie kann ich sie finden? Wir sollten Alien-Stammtische einrichten. Oder doch zumindests eine Facebook-Gruppe gründen. Oder eine Selbsthilfegruppe für High-Heel-Autistinnen).
Diane Brill hat den hochhackigen Schuhen ein ganzes Kapitel gewidmet. Das ist viel, ganz besonders, wenn man bedenkt, dass das Buch nur 8 Kapitel hat!
Sie verspricht: Tolle Typen werden Ihnen reihenweise zu Füßen liegen.
Um in den Dingern gehen zu können, muss man allerdings trainieren. Das gibt selbst Diane Brill zu. Und die entsprechenden Tipps dafür.
Es gibt Übungen, die man einen Monat lang machen muss.
Bilder der Posen für das richtige Flirten mit dem Fuss.
Und eine Abbildung mit der Anatomie des Stöckelschuhs.
Endlich sitzt die Theorie.
Nun folgt die Praxis.
Ich werde mir High Heels kaufen und darin laufen.
Wie heißt es in einem Loriot-Sketch so schön über das Küssen: „Es muss gehen, andere schaffen es doch auch“.
Ich stehe also in einem Schuhgeschäft und sehe mir die Schuhe in den Regalen an. Schöne Schuhe, könnten mir gefallen. Aber geht natürlich nicht. Nicht dieses Mal. Das sind Männerschuhe. Und ich bin heute auf der Suche nach Frauenschuhen.
Erst der Stöckelschuh. Dann der Prinz.
Das ist bekannt seit Aschenbrödel.
Ich drehe mich um.
Da sind sie. Die Objekte der Begierde der Carrie Bradshaws, Diane Brills und aller schreienden Zalando-Frauen.
Ich nehme ein Objekt der Begierde in die Hand.
Oha – so schmal. Und so hoch. Aber nicht hoch genug. 9 Zentimeter, sagt Diane Brill, soll so ein Absatz mindestens haben.
Hier ist ein Schuh, der ist hoch genug.
11 Zentimeter. Eine dünne Sohle. Aber ist ja auch für´s Parkett und nicht für den Schnee.
Ich setze mich auf die Bank. Ziehe meine Schuhe aus. Ziehe die High Heels an. In Rot. Wenn schon, denn schon.
Aber wie soll ich jetzt aufstehen?
Die Verkäuferin reicht mir ihre Hand.
Ich stehe vorsichtig auf.
„Das sind meine ersten High Heels“, sage ich.
Die Verkäuferin guckt mich ungläubig an.
„Das“, sagt sie, „sind Ihre ersten High Heels?“
Ihr stehen nicht die Rührung und die Tränen im Gesicht wie im Film, wahrscheinlich weil Bobby 13 ist und ich über 50.
Ich versuche ein paar Schritte zu gehen. Jetzt geht es mir wie Jack Lemmon und Tony Curtis in „Manche mögen´s heiß“, als sie in Damenkleidung auf dem Bahnsteig stehen.
Ein Schritt nach vorne.
Leichtes Schwanken.
Drei Frauen sehen mir jetzt zu.
„Es sind ihre ersten High Heels“, sagt die Verkäuferin.
„Schöne Schuhe“, sagt eine Frau.
„Der Absatz könnte ein bisschen höher sein“, sagt die zweite Frau. „Jedenfalls für mich.“
Ich mache einen weiteren Schritt.
Und dann stehe ich da, in der Mitte des Raumes, schwankend wie ein Rohr im Wind und zu weit weg von Tischen und Bänken und der Verkäuferin und ... schon liege ich einem Mann zu Füßen. (Sollte es nicht andersrum sein? Der Mann mir zu Füßen? Aber vielleicht geht es ja auch so rum.)
Der Mann hilft mir galant auf die Beine und geleitet mich zur Bank.
„Als ich das erste Mal High Heels probiert habe“, sagt der Mann, „ging es mir ganz genauso. Aber mit ein bisschen Übung lernt man´s.“
Ich sitze auf der Bank und ziehe die High Heels aus.
Tschüß, High Heels.
Ich werde versuchen, euch zu vergessen.
Und jedes Mal, wenn der Zalando-Schrei aus dem Fernseher dringt, schalte ich den Ton aus. Ich sehe auf die stumm schreienden Frauen.
Und ich weiß: ich bin eine Alien. Denn anders ist das doch nicht zu erklären.